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06.10.2016

Förderkreis Landwirtschaft lud auf Milchviehbetrieb nach Much ein

Die Chance zum Informationsaustausch mit der Landwirtschaft wurde wieder gerne angenommen. Rechts neben Betriebsleiter Marc Färfers (M.): Landrat Sebastian Schuster, Karsten Schäfer, der Allgemeine Vertreter des Mucher Bürgermeisters, und Theo Brauweiler, Vorsitzender der Kreisbauernschaft.

Wie ist die Lage aktuell für Milchbauern? Marc Färfers (l.) erläuterte den anwesenden Politikern seine Situation.

Keine Angst vor den „großen Tieren“ der Politik hatte diese Milchkuh des Betriebs. Fotos: Kirsten Engel

Sie ist in den vergangenen 26 Jahren zu einem festen Termin im Jahreskalender geworden – die traditionelle Informationsveranstaltung des Förderkreises Landwirtschaft (FKL) im Rhein-Sieg-Kreis und der Stadt Bonn. Die Landwirtschaft der Politik nahebringen – das war damals und ist auch heute noch das Ziel. Und wichtiger denn je. Vor dem Hintergrund der dramatischen wirtschaftlichen Lage für viele Milchbauern war in diesem Jahr der Milchviehbetrieb von Herbert und Marc Färfers in Much das Ziel.

Abgeordnete fehlten

Theo Brauweiler, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Bonn – Rhein-Sieg, freute sich, dass viele Fraktionsvorsitzende des Kreistages und des Rates der Stadt Bonn sowie Vertreter des Berufsstandes der Einladung gefolgt waren. Bietet die Veranstaltung doch die Gelegenheit, sich direkt vor Ort auf einem Hof über die Situation in der Landwirtschaft zu informieren. Von den ebenfalls eingeladenen Europa-, Bundes- und Landtagsabgeordneten war in diesem Jahr allerdings niemand erschienen. Ein Umstand, der auffiel. „Schließlich wollen sie alle im nächsten Jahr wiedergewählt werden“, so Brauweiler in seiner Begrüßungsansprache. Ein Punkt, dem sich der Landrat des Rhein-Sieg-Kreises Sebastian Schuster anschloss. Er nahm die Möglichkeit gerne wahr, um sich darüber zu informieren, wie moderne Landwirtschaft in seinem Kreisgebiet funktioniert. „Landwirtschaft spielt in Much eine tragende Rolle“, bekräftigte auch der Beigeordnete der Gemeinde Much und Allgemeine Vertreter des Bürgermeisters Karsten Schäfer. Etwa 60 % des Gemeindegebietes würden von landwirtschaftlichen Betrieben bewirtschaftet. „Wir streben ein kooperatives Verhältnis an und wollen das auch pflegen“, fügte er hinzu. Von Seiten der Gemeinde werde man die Landwirte auch weiter unterstützen, beispielsweise mit Infoveranstaltungen für die Bürger zum Thema Gülle.

Der anschließende Blick in Kuhstall und Melkstand war für einige der anwesenden Politiker Neuland. Warum sind die Kühe nicht auf der Weide? Wie alt ist die älteste Kuh? Können zwei Familien von der Milch noch leben? Der staatlich geprüfte Agrarbetriebswirt Marc Färfers beantwortete die Fragen beim Betriebsrundgang geduldig. Derzeit bewirtschaftet er den Hof noch gemeinsam mit seinen Eltern. Der Stall für die 120 Milchkühe mit Nachzucht (hauptsächlich Schwarzbunt) stammt aus dem Jahr 2004. Den Großteil des Futters erzeugt der Landwirt selbst: 60 ha sind Grünland, auf 20 ha wird Mais angebaut. Die Kühe haben nachts die Möglichkeit zum Weidegang. Der Herdbuchbetrieb hat eine durchschnittliche Milchleistung von 9 200 kg pro Kuh und Jahr.

Färfers und seine Berufskollegen machten eine eindrucksvolle Rechnung auf: „Derzeit fehlen am Milchpreis mindestens 10 Cent je kg, damit gehen einem Betrieb in dieser Größenordnung rund 100 000 € jährlich verloren. Geld, das in der Region als Kaufkraft fehlt und auch nicht für Investitionen zur Verfügung steht.“ Der Betrieb Färfers kann einen Teil des Verlustes ausgleichen – er liefert Milch an den Käsehersteller Rainer Schmitz im Nachbarort Reinshagen (Jule’s Käsekiste). „Das ist aber auch mit Mehraufwand beim Melken hinsichtlich der Hygiene verbunden“, gab Marc Färfers zu bedenken. Auch die Zuchtviehvermarktung stagniere derzeit, bedauerte er. Seine Tiere fühlen sich wohl, das war auch für die anwesenden Laien zu erkennen. Tatsächlich ist seine älteste Milchkuh 13,5 Jahre alt und es steht auch eine 100 000-Liter-Kuh in seinem Stall.

Junglandwirte zogen Bilanz

Zum Abschluss gab der Berufsnachwuchs traditionell einen Überblick über das Erntejahr. Fachschüler Tobias Miebach aus Hennef-Eulenberg schilderte die existenzbedrohende Situation der Milchviehbetriebe im Rhein-Sieg-Kreis. „Die Betriebe leben von der Substanz und die ersten sind bereits ausgestiegen.“ Er machte auch noch einmal auf den erheblichen Wettbewerbsnachteil durch die BHV1-Problematik aufmerksam. Das vergangene Erntejahr war nicht nur im Milchbereich schlecht, sondern auch im Ackerbau. „Wir hatten beim Getreide schlechte Erträge und schlechte Preise“, resümierte Stefan Werres, der in diesem Jahr in den heimischen Ackerbaubetrieb in Niederkassel eingestiegen ist. Die Abhängigkeit vom Wetter habe sich in diesem Jahr besonders deutlich gezeigt, so der ­Agraringenieur. Aktuell beeinflusst die extreme Trockenheit die Ernte von Zuckerrüben und Kartoffeln. Gärtnermeister Philip Wißkirchen aus Meckenheim-Ersdorf schilderte die Situation im Gartenbau. Kleinere Äpfel und Sonnenbrand – das sind derzeit die Probleme durch die Trockenheit im Apfelanbau. „Die Kirschessigfruchtfliege wird den Beerenobstanbau verändern“, prognostizierte der 26-Jährige. Es gehe hin zu geschütztem Anbau und das müsse dem Verbraucher erklärt werden. Fachkräftemangel und Mindestlohn brächten zusätzlich Probleme.

„Ackerbau findet nicht nur im Feld statt, sondern die Landwirtschaft steht fast jede Woche am Pranger“, so der Tenor der anschließenden Diskussion. Verbunden mit der Bitte um Objektivität. „Sprecht mit uns, kommt auf uns zu – und geht nicht zu Leuten, die keine Ahnung haben, wir können aufklären“ – so der eindrucksvolle Appell der anwesenden Landwirte zum Abschluss.