Ein Streiter für die europäischen Bauern

09.03.2017

Albert Deß referierte beim 2. Landwirtschaftsabend in Heinsberg

Freuten sich über den gelungenen 2. Landwirtschaftsabend der Kreissparkasse und der Kreisbauernschaft Heinsberg (v.l.n.r.): Agrarkundenberater Mike Lausberg, Katharina Schmitz, Geschäftsführerin der Kreisbauernschaft, Thomas ­Pennartz, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse, Albert Deß, Bernhard Conzen und Agrarkundenberater Georg Schlipper. Foto: Dr. Elisabeth Legge

Es ging um Europa, genauer gesagt um die Agrarpolitik in Europa und die Zukunft der Landwirtschaft in der EU. Um dieses Thema drehte es sich beim 2. Landwirtschaftsabend, zu dem die Kreissparkasse Heinsberg und die Kreisbauernschaft Heinsberg am Montag dieser Woche nach Heinsberg ins Sparkassengebäude eingeladen hatten. Und das Thema war dem Referenten, Albert Deß, Mitglied des Europäischen Parlaments und agrarpolitischer Sprecher der EVP-Fraktion, auf den Leib geschnitten. Thomas Pennartz, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Heinsberg und Bernhard Conzen, Vorsitzender der Kreisbauernschaft, jedenfalls freuten sich, den Referenten begrüßen zu können. Conzen wies dabei darauf hin, dass sich „Deß mit Tatkraft und Klarheit für die Interessen der bayerischen, deutschen und europäischen Bäuerinnen und Bauern einsetzt.“ Damit hatte er nicht übertrieben. Die rund 120 erschienenen Bäuerinnen und Bauern konnten einen engagierten Europa-Politiker erleben, der viele Informationen bereithielt und seinen Vortrag mit manch einer Anekdote anreicherte.

Gleich zu Beginn seiner Ausführungen stellte Deß eines klar: „Die Landwirtschaft in der EU hat eine große Bedeutung.“ Immerhin 13,7 Mio. landwirtschaftliche Betriebe existierten in der EU und 17,5 Mio. Menschen seien in der Land- und Ernährungswirtschaft beschäftigt. „Das sind fast 8 % der Gesamtbevölkerung. Die Landwirtschaft braucht sich also nicht zu verstecken.“

Natürlich ging der Europa-Abgeordnete auch auf aktuelle agrarpolitische Entwicklungen ein und hier räumte er insbesondere mit Vorurteilen zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) auf. „Die GAP ist nicht, wie immer wieder behauptet wird, ein Fass ohne Boden“, betonte Deß. 1990 habe das Budget für die GAP 25,6 Mrd. € pro Jahr betragen und somit 55,7 % des Gesamthaushaltes. 2015 habe das Budget bei 44,4 Mrd. € pro Jahr gelegen und damit 30,5 % des Gesamthaushaltes ausgemacht. „Immer wieder wird von einer teuren GAP gesprochen. Hier sollte man wissen, dass andere Bereiche nicht über Brüssel abgerechnet werden“, erläuterte der Abgeordnete. Auch das Vorurteil, dass die GAP nicht reformfreudig sei, habe keinen Bestand. Die GAP sei seit 1990 immer wieder angepasst worden.

„Wir brauchen auch weiterhin eine leistungsstarke, multifunktionale GAP“, zeigte Deß sich überzeugt. Hierzu gehöre die Produktion von sicheren und qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln, die Beachtung der natürlichen Ressourcen und die Pflege und der Erhalt der Kulturlandschaft. Ziel müsse weiterhin sein, den Stellenwert der Landwirtschaft und der Landwirte zu erhöhen. Auch müsse der wirtschaftliche Aspekt der Landwirtschaft bei der GAP mehr Beachtung finden. „Und auch in der Öffentlichkeit. Das kommt mir immer viel zu kurz“, betonte der Landwirt, der in Röckersbühl einen Nebenerwerbsbetrieb bewirtschaftet. Außerdem werde er sich dafür stark machen, dass die GAP praxisgerecht und unbürokratisch ist.

Kritisch sieht Deß die geringe Produk­tionsentwicklung Europas im Vergleich zu den anderen Regionen weltweit. So sei beispielsweise in den Jahren 1976 bis 2008 die Getreideerzeugung in Europa um 1 % gestiegen, in Asien dagegen um 97 %. Beim Fleisch sehe es noch drastischer aus. In der Zeit von 1976 bis 2008 sei in Europa die Fleischproduktion um 6 % gestiegen und in Asien um 387 %. „Hier muss Europa aufpassen, dass es nicht weiter hinterherhinkt“, warnte der Europa-Parlamentarier.

Sorgen bereitet ihm auch die immer größer werdende Schere zwischen der wachsenden Weltbevölkerung einerseits und der sinkenden Anbaufläche. Nach seiner Auffassung ist daher Produktivitätssteigerung der Schlüssel zur Verringerung von Hunger und Mangelernährung und zur Erhaltung natürlicher Lebensräume und der Biodiversität. „Zur modernen, hochproduktiven und innovativen Landwirtschaft gibt es keine Alternative“, hielt Deß fest. Mit ihr können sich Deutschland, Europa und die Welt mehr von allem leisten, und zwar mehr Nahrung, mehr Futtermittel, mehr Bioenergie und andere Nichtnahrungsgüter, mehr Biodiversität und mehr natürliche Lebensräume. Deß: „Wer glaubt, mit weniger Fleischkonsum, weniger Flächen und mehr ökologischer Landwirtschaft könnten wir existieren, der ist auf dem Holzweg.“

In jedem Fall müssten sich Landwirtschaft und Öffentlichkeit wieder besser kennenlernen. „Wir brauchen Konzepte, die die Landwirtschaft ins rechte Licht rücken und die Herzen der Verbraucher erreicht“, so Deß. In diesem Zusammenhang empfahl er den Bäuerinnen und Bauern ehrlich zu den Verbrauchern und hart gegen schwarze Schafe in den eigenen Reihen zu sein. Außerdem forderte er die Anwesenden auf, sich aktiv für eine solide und verlässliche Agrarpolitik einzusetzen. Wie bereits Conzen zu Beginn des Landwirtschaftstages, appellierte auch Deß an die Anwesenden, sich an der öffentlichen Online-Befragung der EU-Kommission zur GAP zu beteiligen.