Landwirte wollen dem Kiebitz helfen

13.04.2017

Kreis Wesel und Biostation stellten unter den Windrädern in Veen „Insellösungen“ zum Schutz der Feldvögel vor

Ortstermin in Veen (v.r.n.l.): Kreislandwirt Wilhelm Neu, Alpens Ortslandwirt Alfred Holland, Biologe Bernd Finke, Thomas Traill (Biostation), Senior-Landwirt Heinz van Beek und Anwohner Dieter Dames. Foto: Bernfried Paus

„Kiju-wit“ – zwei raue Silben vom Himmel übertönen das Kolloquium am Boden. Der Kiebitz ist auf der Balz. Der aus dem Süden heimgekehrte Frühlingsbote fühlt sich sauwohl im Schatten der drei Veener Windriesen an der Dickstraße, wo Bernd Finke, Biologe bei der Unteren Naturschutzbehörde Kreis Wesel, und Thomas Traill von der Biologischen Station mit Landwirten wie Wilhelm Neu, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Wesel, das frisch aufgelegte Schutzprogramm für vom Aussterben bedrohte Feldvögel erörtern. Wenn’s dem Kiebitz gut geht, gilt das auch für die Feldlerche oder die Schafstelze. Doch weit größere Gefahr droht in der Nacht vom Fuchs und tagsüber aus der Luft von der räuberischen Saatkrähe, sagen die Landwirte.

„Freiwilligkeit“ wichtig   

Die Zeit drängt. Ende März hat der Kiebitz angefangen zu brüten. Gern auf noch unbestellten Mais- oder Rübenäckern. Der Raum „Südliche Ortslage von Veen“ ist eines der Kiebitz-Schwerpunktgebiete im Kreis Wesel. Ziel der Naturschützer ist es, im Schulterschluss mit den Landwirten den landesweit stark dezimierten Bestand an Feldvögeln wieder auf einen verträglichen Stand zu bringen. Die Intensivierung der Landwirtschaft, so Traill, und die veränderten Landschaftsstrukturen seien Gründe für den signifikanten Rückgang. Vor allem Jungvögel litten unter dem geringen Nahrungsangebot aufgrund eines eklatanten Mangels an Insekten. Aber weil brütende Kiebitze von den feuchten Wiesen auf oft ungeschützte, offene Äcker ausgewichen seien, drohen die größten Gefahren von der Natur selbst.

Die Bauern, so Kreisvorsitzender Wilhelm Neu, seien weiter bereit, ihren Beitrag zu leisten, das Brutgeschäft der Kiebitze zu erleichtern, um die Verluste so gering wie möglich zu halten. Grundlage einer gedeihlichen Kooperation müsse aber „die Freiwilligkeit“ sein. Das sieht auch das Landesprogramm vor. Landwirte, die daran teilnehmen möchten, müssen sich vertraglich verpflichten, die Bewirtschaftung von Teilflächen von 0,5 bis 2 ha, auf denen mindestens drei Brutpaare ausgemacht worden sind, ruhen zu lassen. Das wird mit bis zu 1 437 € pro ha entschädigt. Bislang habe im Kreis Wesel ein Landwirt die Absicht, einen Vertrag zu unterzeichnen, so Finke. Aber das Programm sei auch gerade erst angelaufen. „Die Vertragsvordrucke sind noch druckfrisch“, so Finke.

Auch ohne Vertrag geht’s. „Insellösungen“ versprechen ein verträgliches Nebeneinader von Natur und Landbau. Bauern, die Kiebitzgelege entdecken, werden gebeten, diese 5 m vor und hinterm Nest mit Bambusstangen, die oben möglichst farbig sein sollen, zu markieren. So könnten die Gelege bei der Feldbearbeitung leicht ausgespart werden. „Die Stangen dürfen nur fingerdick sein“, so Traill, „sodass sie sich nicht als Startrampen für Zugriffsvögel anbieten.“

Da greifen die erfahrenen Landwirte vor Ort ein. „Krähen sind das Hauptübel“, sagt Alpens Ortslandwirt Alfred Holland. Der muss genauso wenig wie seine Berufskollegen unter den Windriesen nicht erst für den Kiebitzschutz gewonnen werden. „Mir hat mein Vater schon von Kindesbeinen an beigebracht, bei der Feldarbeit auf Kiebitz-gelege zu achten“, so Holland. Wie Senior-Landwirt Heinz van Beek und Anwohner Dieter Dames ist aber der Ortslandwirt skeptisch gegenüber allen bürokratischen Versuchen, die Natur zu schützen. „Es geht nur im Miteinander. Sprechen Sie uns direkt an, das funktioniert am besten“, plädiert Alt-Bauer van Beek für Pragmatismus. Die Landwirte hätten ein Herz und ein Auge für den Feldvogel, sagt van Beek und schaut hoch in den fast wolkenlosen blauen Himmel, wo wie ein nervöser dunkler Punkt eine Feldlerche auszumachen ist. „Kinder sind immer ganz fasziniert, wenn ich ihnen zeige, wie die plötzlich im Sturzflug zur Erde sausen.“

Ein Spaten reicht

Alfred Holland berichtet davon, dass schon ein Spaten reiche, ein Kiebitz-nest so zu verlegen, dass es nicht mehr im Weg liegt. Nur 1 m weit entfernt, das störe Vogeleltern nicht. Sie brüten weiter. Der Mann von der Biostation bestätigt das. Nur in Fahrspuren sollte man das Nest nicht setzen. Und dann erzählt der Alt-Bauer anschaulich, wie er unter den Windriesen die Feldarbeit mit Mutter Natur erlebt. Beim Pflügen sei er immer wieder vom Trecker abgestiegen, um Kiebitzküken mit den Händen aus der tiefen Furche herauszuholen, während ihre Eltern die Kleinen beim Würmerpicken aus den Augen verloren hatten.  

Weitere Infos gibt es unter www.kreis-wesel.de/de/themen/kiebitz-und-feldvogelschutz/.