Zwischen der Sorge um Nahrungsmittelsicherung und den Zwängen der Agrarpolitik
Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine und dessen Folgen für die heimische Landwirtschaft hat die Diskussion rund um die Ausrichtung der europäischen Agrarpolitik auch im Rheinland an Fahrt aufgenommen. Anlässlich der Agrarministerkonferenz nimmt der Rheinische Landwirtschafts-Verband (RLV) Stellung zur aktuellen Lage auf den Feldern und zeigt kurzfristige Optionen in Sachen Versorgungssicherheit auf.
Während das Wintergetreide die Felder bereits ergrünen lässt, ging es in den letzten Tagen auch für Kartoffeln und Zuckerrüben los. Gegen Ende April folgt die Maisaussaat und die rheinischen Bauern starten in eine hoffentlich erfolgreiche Saison. Laut RLV hat das trockene Wetter im März zu einem ersten besorgten Blick auf den Vegetationsverlauf geführt. Zwar hat der Winter für gute Wasservorräte im Boden gesorgt, doch besonders in den oberen Bodenschichten braucht es jetzt Wasser von oben, um den jungen Pflanzen einen guten Start zu ermöglichen.
Größtes Problem der Landwirte ist derzeit aber nicht das Wetter, sondern die durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Folgen. Die Preise für Diesel und Dünger schießen durch die Decke, wichtige Rohstoffe und Futtermittel fehlen. „Diese Krisensituation zeigt uns aktuell, wie fragil die heimische Agrarwirtschaft in ihrer Abhängigkeit von globalen Wirtschaftsbeziehungen ist. Neben dem Ergreifen akut notwendiger humanitärer Hilfsmaßnahmen sollte das auch Anlass dazu geben, Rahmenbedingungen und Entwicklungen grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen und erforderliche Korrekturen vorzunehmen“, so RLV-Präsident Bernhard Conzen.
Der RLV regt in einem Positionspapier an, angesichts der enormen Steigerung der Produktionskosten im Rahmen kurzfristiger Maßnahmen die Erhöhung der Agrardieselerstattung ins Auge zu fassen. Auch die Verlängerung der 70-Tage-Regelung wäre zur Sicherung der Obst- und Gemüseernte ein wichtiger Schritt zur Stabilisierung der Versorgung mit regional erzeugter Frischware.
Zu prüfen ist laut Verband auch, inwieweit die bereits für die Herbstaussaat 2022 relevante EU-Vorgabe einer 4 %-igen Stilllegung von Ackerflächen ohne jede Nutzungsmöglichkeit sinnvoll ist. Statt hochproduktive Flächen aus der Nutzung zu nehmen, könnte dort etwa der in der Vergangenheit bewährte Anbau von Raps eine sinnvolle Alternative sein. Raps liefert einerseits Öl, das dem Diesel beigemischt werden kann und zugleich mit dabei anfallendem Rapsschrot ein hochwertiges gentechnikfreies Futtermittel für die Tierhaltung, an dem es derzeit mangelt. Diese Doppelnutzung hat positive Wirkungen auf den Klimaschutz. Weiterhin wäre denkbar, für die Stilllegung vorgesehene Flächen in einer biodiversitätsfördernden Form – etwa durch Aussaat in doppelter Reihe mit Getreide – zur Nahrungs- und Futtermittelversorgung zu bestellen oder mit Blühpflanzen zur Biomasseerzeugung zu nutzen.
Der RLV stellt unmissverständlich klar, dass der erzielte gesellschaftliche Konsens zur Weiterentwicklung einer klima- und umweltgerechten Landwirtschaft in Deutschland außer Frage steht. In der aktuellen Situation geht es jedoch darum, die Potentiale der Landwirtschaft insbesondere in den leistungsfähigen Regionen des Rheinlandes nicht einfach brachfallen zu lassen, sondern zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit zu nutzen.
Der RLV appelliert daher an die Agrarminister, den drängenden Themen der Landwirte bei ihrem Treffen höchste Aufmerksamkeit zu schenken und Beschlüsse zu fassen, die die Aufrechterhaltung einer wirtschaftlich stabilen Produktion gewährleisten.
Das Positionspapier des RLV ist hier zu finden.





